Antje Seemann

Kunstsaaten

 

Das Bildrepertoire des Mikrokosmos: Pollen, Larven, Einzeller. Aus Stoff, Fiberglas, Epoxidharz und Farben formt Antje Seemann Objekte, die an Lebewesen erinnern, die unter der mit bloßem Auge wahrnehmbaren Schwelle existieren. Die Kunstobjekte sind ins Überdimensionale vergrößert und werden in der "freien Natur" installiert.

 

Vergrößerung und intensive Farbe sowie die Platzierung erzeugen einen Verfremdungseffekt, der den Betrachter zunächst abstrakte Dinge im Naturumfeld sehen lässt. Dies löst einerseits Irritation aus, andererseits stößt es eine Reflektion über Eingriffe des Menschen in seine Umwelt an. Im weiteren Betrachten klärt sich der Blick, die Objekte werden in ihrer Ähnlichkeit zu Naturgebilden und als ästhetische Akzentsetzungen verstanden.

 

Seemann hat im vergangenen Jahr eine Reihe solcher Eingriffe unternommen: Larven und Parasiten am Ems-Jade-Kanal in Sande, Sumpfblüten in Düren, Sonne, Mond und Sterne in Schleiden und Pollen auf dem Kaliberg in Hannover-Empelde.

 

In der Gruppenausstellung UnTiefen im Juni 2000 am Kanal bei Wilhelmshaven entdeckte man beim Gang entlang des Wasser schlangenartige Objekte im Geäst der Bäume: Parasiten.. Sie wickelten sich um Äste, hingen aus den Baumkronen herab, verknoteten sich und sprangen durch ihre leuchtende rote und orange Farbgebung ins Auge. Die stoffgenähten Schläuche waren Plastiken, die als Artefakte den realen plastischen Gewächsen, den Bäumen, beigegeben wurden. Mit der Konfrontation von natürlich Gewachsenem gegenüber künstlich Geformten entstand ein Spiel um den Begriff des Plastischen. Der ungewöhnliche Anblick der vertrauten Natur, verändert durch die Kunstobjekte, weckt die Erinnerung an meist ungesehene, aber dennoch wahrgenommene Entwicklungen in der Natur: unter Blättern, an Ästen entwickeln sich Raupen, Larven und Schwämme, die wie Ausstülpungen der Flora wirken, bis sie sich zu selbstständigen Lebewesen entpuppen. Der Eingriff Seemanns kommt aus dieser Naturbeobachtung, bietet aber eine offene Perspektive an: Zunächst mag dies dem Pittoresken gelten, dem Schönen in der Natur (das erst durch die Vergrößerung ins Bewusstsein gehoben wird); dann mag es um den Aspekt der Symbiose gehen – so wie Wirt (Baum) und Gast (Parasit) ein gegenseitig ergänzendes System bilden, entsteht auch eine Korrespondenz zwischen Natur- und Kunstschönheit. Und weiter mag hier der Blick auf das Phänomen Entwicklung gerichtet werden: Die wurmartigen Objekte werden sich womöglich durch Metamorphose zu schillernden Insekten, Faltern oder Fliegen verwandeln.

 

Die Erwartung der Verwandlung ist es, die durch Seemanns Objekte geweckt wird und ein genaueres Hinsehen für die "natürliche" Natur zur Folge hat.

 

In gleicher Weise wirken die Larven genannten Schwimmobjekte auf dem Kanal. Die Plastiken sind zunächst nichts weiter als spiralförmige. leuchtend grün gefärbte Flächen, die in den Lichtreflexen der Wellen kaum bemerkt werden. Entdeckt man sie, dann wird man gewahr, dass so etwas wie die Mückenlarvenschwärme in den Randzonen eines Gewässers, knapp unter der Oberfläche schwebend, als Bildvorbild gedient haben mögen. Ob aber Mücken oder die ungleich schöneren Libellen diesem Schwarm entsteigen, ist ungewiss.

 

Zugleich lenken die Schwimmscheiben den Blick auf die Lichtreflexe der Wasseroberfläche: die an sich flüchtigen Erscheinungen werden in den Plastiken quasi eingefroren – hier tritt ein impressionistischer Aspekt zum Werk Seemanns hinzu: wie in Max Liebermanns Gemälden zeigen sich Lichtflecken, die die Farbverwandlungen der Gegenstandsfarben im Licht spiegeln. Ebenso also wie die Parasiten einen Moment der Veränderung festhalten, so halten die Larven über ihre eigene Verwandlung hinaus das Veränderliche des Sichtbaren fest. Das faszinierende Spiel um das Werdende und das Bestehende doppelt sich um die Variationen des Wahrnehmbaren.

 

Aktionen wie die Pollen betitelte Arbeit auf dem Kaliberg in Hannover, die Sumpfblüten in Düren oder die Intervention in den Stadtraum in Schleiden stehen im selben Kontext. In Hannover platzierte Seemann 22 Stoffkugeln (Ø 1 m) in auffallendem Rot in die Mondlandschaft des Abraumberges des Kalibaues. Wind trieb die Objekte über die Schuttflächen und die Baustellenstraßen. Ein an sich unsichtbarer Vorgang der Natur geriet so in den Blick: Jede noch so unwirtliche Fläche wird von Pflanzenpollen und –samen erobert und der Vegetation zurückgewonnen. Auch die über dem Wasser schwebenden roten Stoffkugeln im Dürener Park vermittelten etwas von einer Momentaufnahme – kurz bevor sich die Samenkapseln in das Wasser senken, um bald darauf wieder als neue Pflanzen auszutreiben und zur Verlandung des Sees beizutragen.

 

Von besonders poetischem Charakter sind die in Schleiden-Gemünd mit einem Seil über die Urft gespannten Kugelobjekte: Zunächst lässt ihr Titel Sonne, Mond und Sterne an Kinderlieder und Martinsumzüge denken, Farbe und plastisches Ornament der Kugeln schaffen tatsächlich eine Ähnlichkeit zu Lampions. So wie sich die Laternen im Wasser spiegeln, so bilden sich auch die tatsächlichen Himmelskörper auf dem Wasserspiegel ab; der jedoch, da fließend-bewegt, keine klaren geometrischen Formen wiedergibt, sondern auf Wellen und in Wellentälern Verzerrungen der Himmelskörper zeigt, die mal Stacheln, mal Noppen, mal Strahlenkränze zu sein scheinen. Aber auch in dieser Arbeit klingt das Thema der Aussaat mit an, ähneln doch die Kugeln wiederum Samenkapseln. Die Ränder der regulierten Urft deuten das Naheliegende der Gedankenverbindung an. Am Saum des Kanals hat sich mit der Zeit Vegetation festgesetzt, verleiht dem regulierten Flüßchen ein wenig von seiner ehemaligen Natürlichkeit zurück. Die Assoziationskette mag belegen, dass Antje Seemann Zeit und Natur zu einem wesentlichen Element ihrer Plastiken macht: Erinnerungen an Vergangenes (Kindheitsspiele), an kosmisches Licht in zeitlicher Unendlichkeit (Gestirne) und an das Werden (Samenkapseln) leiten von dem bunten Eindruck der Kunststoffobjekte zu den Gedanken darüber, wie durch künstlerische Intervention Momente des Wahrnehmbaren festgehalten werden, wie Kunst den Blick fokussiert auf Phänomene der uns umgebenden Natur und dadurch Entwicklung und sich Entwickelndes der Aufmerksamkeit zuführt.

 

willy athenstädt

2001

 

Willy Athenstädt, damals Kunsthistoriker an der Kunsthalle Bremen, eröffnete die Ausstellung "Untiefen" auf dem Ems-Jade -Kanal zur "Expo am Meer"  2000  und schrieb diesen Text für den Katalog "Antje Seemann".