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Ein gutes Portrait sagt mehr als tausend Bücher

Blicke können eiskalt, herzerwärmend, diskret, spottend, subtil, entlarvend, belächelnd, wissend und so weiter sein. Man kann den Blick eines anderen am eigenen Leib spüren, selbst wenn man ihm den Rücken zukehrt, sich beobachtet fühlen, ohne dass jemand sagen könnte, was diese Empfindung veranlasst und wie diese unkörperliche Form leiblicher Kommunikation sich in physikalische Formeln fassen ließe. Und doch ist die Wirksamkeit des Blicks eine nicht zu leugnende Tatsache. Sie durchdringt nicht den Körper, berührt diesen nicht. Vielmehr ist es eine geheime Kommunikation von Leib zu Leib. Dabei sind weder der Blick noch das Gesicht undekorierte und somit unmittelbare Schaufenster der Seele. Wir können unsere Blicke gezielt einsetzen, können den Blick vielsagend abwenden, sprich unserem Antlitz einen Anschein geben. Allein mit unserer Mimik kann es uns gelingen, unsere ganze Gestalt kraftvoll oder unscheinbar, abwesend oder präsent erscheinen zu lassen.

Die Kunst des Portraitisten besteht in dem geheimnisvollen Vermögen, eine solche körperlose Präsenz zu schaffen. Antje Seemann beherrscht diese Kunst in Perfektion. Mit den reduzierten Mitteln des Linolschnitts gelingt es ihr immer wieder in unvergleichlicher Weise die Gegenwärtigkeit des Portraitierten aufscheinen zu lassen. Sie ermöglicht dem Betrachter eine intime leibliche Kommunikation mit einem Abwesenden. Befindet sich ein Portrait von Antje Seemann im Raum, ist mehr Leiblichkeit im Raum als Körper anwesend sind. Antje Seemann versteht es meisterlich, jenem surplus zur Wirkung zu verhelfen, das eine nur nach realistischer Wiedergabe heischende Fotografie von Kunst unterscheidet. 

Siegfried Reusch

Verlag für Philosophie, http://www.derblauereiter.de

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